Der Freiberger ist ein tolles Freizeitpferd
Das «Schweizer Bauernpferd» ist weit mehr als nur ein tüchtiger Arbeiter in der Landwirtschaft. Der Freiberger hat sich in den letzten Jahren zu einem hervorragenden Freizeitpferd entwickelt. Vor allem auf Trekkingtouren kann er seine Fähigkeiten voll entfalten.
Men Juon, der Betreiber des Reit- und Fahrbetriebes San Jon in Schuls im Unterengadin, setzt auf Freiberger. Seien es Kutschen- oder Schlittenfahrten oder auch anspruchsvolle, bis sechs Tage dauernde Trekkingtouren in den Alpen: seine Freiberger erfüllen alle Aufgaben souverän und ohne Probleme. Und in den Jugendreitlagern können sich die Teilnehmer auf zuverlässigen, gelassenen Pferden sicher ihre ersten Sporen abverdienen. Der Freiberger ist ein Kaltblüter. Im Vergleich mit den mächtigen Belgiern, Percherons, Ardennern und Comtoispferden, deren Blut zu seinem Entstehen beigetragen hat, ist er allerdings ein leichtes bis höchstens mittelschweres Arbeitspferd an der Grenze zwischen Kaltblut und Warmblut. Er ist robust, leichtfutterig und genügsam, sehr kräftig und ausdauernd, dabei gutartig, ehrlich und zuverlässig.
War der Freiberger früher vor allem das Arbeitspferd der Bergbauern in der Land- und Forstwirtschaft und als Zug-, Pack- und gelegentlich Reitpferd in der Armee beliebt, wurden in den letzten Jahren durch Anpassungen in der Zucht seine Reiteigenschaften deutlich verbessert. Heute ist der Freiberger ein vielseitiges, zuverlässiges Freizeitpferd. Nach wie vor brilliert er im Zuggeschirr. Aber auch unter dem Sattel zeichnet er sich durch leichte, lockere Gänge und eine vorzügliche Trittsicherheit auch in schwierigem Gelände aus. Vor allem als Wanderreitpferd ist er kaum zu übertreffen. Man darf die Augen aber nicht davor verschliessen, dass er kein Sportpferd ist. In den letzten Jahren brachten einige Freiberger in Westernreitprüfungen ganz ordentliche Resultate, aber in der anspruchsvollen und besonders beliebten Disziplin Reining, einer sehr dynamischen Dressurprüfung im Galopp, hat er neben den amerikanischen Quarter Horses keine Chance. Manche Freiberger springen zwar ganz gern, aber sie erreichen natürlich nie die Leistungen warmblütiger Springpferde. Und wenn eine Autorin schreibt, man könne ihn als Cousin des Lipizzaners bezeichnen und er sei das ideale Barockpferd der Hohen Schule, so ist hier eindeutig der Überschwang mit ihr durchgegangen. Auch wenn der inzwischen berühmte Hengst Castello unter der Bereiterin Marianne Burn klassische Lektionen wie Piaffe, Passage und Levade beherrscht, muss man diese Leistung ganz klar als grosse Ausnahme sehen. Und von seiner Zuchtgeschichte her ist der Freiberger nicht einmal entfernt verwandt mit den edlen, auf der Grundlage spanischen, arabisch-orientalischen und italienischen Blutes entstandenen Lipizzanern.
Zuchtgeschichte der Freiberger
Schon um 1500 wurde in der Schweiz, hauptsächlich auf der Basis im Burgunderkrieg erbeuteter Hengste, ein kräftiges, gedrungenes und dabei nicht unedles Pferd von ausgezeichneter Härte und Gängigkeit gezüchtet. Damit hatten die Bauern über Jahrhunderte ausgezeichnete Pferde zur Verfügung, die sich ausserdem gut nach Frankreich verkaufen liessen, als Armee-, Kutschen- und Treidelpferde. Während der Napoleonischen Kriege beschlagnahmten die französischen Truppen alle brauchbaren Pferde der Schweizer. Ein schwerer Schlag für die Zucht.
Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts nahm sich der Bundesrat der maroden Pferdezucht an. Es wurden Hengste verschiedener Rassen, Kalt- und Warmblüter, aus England und Frankreich eingeführt. Darunter war der Norfolk Roadster Hengst «Leo I.», der von 1891 bis 1899 im Gebiet von Saignelégier im Jura deckte. Von ihm stammte «Vaillant», der wichtigste Linienbegründer der Freibergerzucht. Um die Jahrhundertwende wurde die Veredlung in Richtung Reitpferd mithilfe von Englischen Vollblütern, Vollblutarabern aus Polen und eines Trakehners namens «Aladin» aus Schweden weiter vorangetrieben. Die Armee war mit dem Resultat zufrieden. Die Bauern waren es nicht. Der neue Schlag war zu leicht und zu empfindlich. Sie setzten mächtige Shire-Hengste, Percherons und Bretonen ein, und durch die wahllose Zucht ging der alte Schlag des Freibergers fast völlig verloren. Erst um 1910 wurden die Importe eingestellt und der Freiberger rein weitergezüchtet. In den Siebzigerjahren wollte man im Gestüt Avenches VD die Reitqualitäten des Freibergers nochmals verbessern, indem man mit schwedischen Warmbluthengsten Freibergerstuten deckte. Dadurch wurden wertvolle Eigenschaften wie Robustheit, Leichtfutterigkeit und Geländegängigkeit eingeschränkt. Heute ist man vor allem bemüht, die Zucht des modernen, rittigen Freibergers nicht durch Einkreuzung, sondern durch gezielte Selektion zu fördern.
Leistungsprüfungen
In verschiedenen Veranstaltungen wird die Auslese der Pferde für die Zucht vorgenommen: bei Eidgenössischen Pferdeschauen der Zuchtgenossenschaften, beim Feldtest der Zuchtgenossenschaften, bei der Hengstkörung in Glovelier, der Hengstleistungsprüfung I und II im Eidgenössischen Gestüt Avenches.
Eidgenössische Pferdeschauen der Zuchtgenossenschaften: 95 Pferdezuchtgenossenschaften veranstalten jeden Herbst die Eidgenössischen Pferdeschauen. Diese für alle Rassen offenen Schauen sollen einen Eindruck der Zuchterfolge vermitteln. Dabei werden die Fohlen bewertet und die jungen Stuten und Wallache begutachtet.
Feldtest der Zuchtgenossenschaften: An etwa 50 Schauplätzen der ganzen Schweiz werden im Frühling die Feldtests für dreijährige Stuten und Wallache durchgeführt. Dabei werden die Vererberqualitäten der Hengste überprüft, von denen die vorgeführten Pferde abstammen. Es geht dabei um die Eignung zum Reiten und Fahren. Die jungen Pferde werden einzeln vom Züchter oder einem Beauftragten unter dem Sattel und vor dem Wagen vorgestellt, und der Richter beurteilt die Reit- und Fahreigenschaften, wobei auf die Grundgangarten besonderer Wert gelegt wird.
Hengstkörung in Glovelier: Meistens bei klirrender Kälte im Januar wird im kleinen Ort Glovelier im Jura seit rund 60 Jahren die Hengstkörung durchgeführt. Es geht dabei um eine vorläufige Anerkennung der Freibergerhengste. Dabei können Hengste als herdebuchberechtigt oder nicht herdebuchberechtigt bestimmt oder auch ganz ausgemustert werden. Eine Kommission bewertet die Gesamterscheinung, das Exterieur und die Gänge der vorgeführten Pferde.
Hengstleistungsprüfung I: Rund vier Wochen nach der Körung in Glovelier werden die vorläufigen Hengstanwärter zum sogenannten Stationstest ins Eidgenössische Gestüt Avenches gebracht. Es sind stets um etwa 25 Pferde, die hier während vierzig Tagen auf Herz und Nieren geprüft werden. Bei diesem sehr anstrengenden Test werden die Gesundheit, die Vielseitigkeit und der Charakter jedes Hengstes einer gründlichen Prüfung unterzogen. Es muss je ein vielseitiges Reit- und Fahrprogramm absolviert werden. Folgende Kriterien geben den Ausschlag zum Erfolg: Charakter, Temperament, Lernfähigkeit, Verhalten beim Anspannen und unter dem Sattel, Handlichkeit und Zuverlässigkeit.
Hengstleistungsprüfung II: Im Herbst wird in Avenches jedes Jahr die Hengstleistungsprüfung II für die fünf- bis siebenjährigen Hengste durchgeführt. In dieser Prüfung ist in nur zwei Tagen ein vielseitiges Programm zu bewältigen, das vor allem Aufschluss über den Charakter und die Leistungswilligkeit der jungen Hengste geben soll. Zur Prüfung gehört auch ein Gesundheitstest.
Alle diese strengen Prüfungen tragen wesentlich zur grossen Qualität der Freibergerzucht bei

Hans D. Dossenbach
Tierwelt, Nr. 22,