Schöne Südrampen-Variante
Erde, Wasser, Luft, Feuer: Diese vier klassischen Naturelemente begleiten uns auf einer lohnenden Frühsommerwanderung im sonnenverwöhnten Oberwallis.
Von der BLS-Haltestelle Eggerberg verläuft der erste Teil der Tour bis zum Eingang ins Baltschiedertal auf dem viel begangenen Trassee der «offiziellen» Lötschberg-Südrampe (Hohtenn, Ausserberg, Eggerberg, Lalden oder umgekehrt). Kurz nach Beginn unserer Wanderung unterqueren wir die Geleise der auf Doppelspur ausgebauten Lötschbergbahn und kommen in Kontakt mit dem Thema «Erde». Wie mit einem Schwerthieb ins Gebirge gehauen erscheint das enge Baltschiedertal, Zeugnis von geologischen Gewalten ablegend. Während der Südrampen-Wanderweg Richtung Ausserberg gegen Westen (also nach links) abzweigt, stossen wir weiter gegen Norden ins Tal vor.
Vier enge Einschnitte gliedern das Bietschhorngebiet: Jolital, Bietschtal, Baltschiedertal und Gredetschtal. Aus allen strömen Wildbäche der Rhone zu, und alle gehören sie samt dem dominierenden (doch vom Talgrund aus nur selten zu sehenden) Bietschhorn mit seinen 3934 m Höhe unter Landschaftsschutz.
Lebenselement Wasser
Das Baltschiedertal war eine Weile lang sogar Kandidat für die Einrichtung eines weiteren Nationalparks in der Schweiz. Das Vorhaben wurde dann aber fallen gelassen. Schade, denn zweifellos wäre die alpine Landschaft im Oberwallis eine gute Ergänzung zum Nationalpark im Unterengadin gewesen. Schritt um Schritt erwandern wir auf schmalem Pfad das wilde Tal. Plötzlich gurgelts am Hang: eine Wasserleitung! So erleben wir das zweite Naturelement, das hier eine andere Bedeutung hat als auf der regenreicheren Alpennordseite. Weil der Niederschlag im trockenen Wallis nicht ausreicht, müssen die Bergbauern ihre Felder und Wiesen künstlich bewässern. Suonen heissen die Wasserleitungen, die das kostbare Nass aus dem Hintergrund der Seitentäler heranführen.
Bei der Alp Ze Steinu auf 1287 m heisst es umkehren. Zwar geht das Baltschiedertal noch weiter (fast endlos, wie die Alpinisten klagen, denen der Anstieg gegen das Bietschhorn gar lang wird) - aber wir haben jetzt einen guten Eindruck von diesem Landschaftstyp gewonnen und möchten heute noch andere Regionen an der Lötschberg-Südrampe kennenlernen. Drei Kilometer nach Süden zurück gegen das Bahnviadukt auf nunmehr vertrauter Route, aber mit ganz anderem Blickwinkel, dann beginnt unweit der Höhenkote 916 (Brücklein über den Baltschiederbach) der Aufstieg zum Weiler Eggen. Vom Versuch, entlang der Suone am östlichen Talhang bei den Felsabstürzen direkt nach Eggen zu gelangen, sei abgeraten.
Kühlender Bergwind
Bald schon wird nun nach Erde und Wasser das Naturelement Nummer drei aktuell, die Luft: Der Aufstieg über die Weiler Eggen und Finnu beträgt immerhin 600 Meter den Berg hinan. Viele Liter Sauerstoff strömen da in unsere Lungen, und wer unterwegs eine Rast einlegt, kann sich vom Bergwind die schweissbedeckte Stirn kühlen lassen. Interessant ist übrigens, wie bei schönem Sommerwetter im Verlauf des Tages die Windrichtung ändert. Am Vormittag zirkuliert eine Strömung das Rhonetal abwärts, am Nachmittag wechselt der Wind und weht talauf.
Zwischen Finnu und Bodma, einem weiteren dieser Walliser Weiler mit ihren Speichern aus sonnengebräuntem Holz, wird bei 1467 m der geografische Höhepunkt des Tages erreicht. Auch landschaftlich ist die Stelle spitze - mit einem von Bergwald gesäumten Panorama auf Gipfel und Täler. Wie schade, kennen viele Wandersleute nur gerade die «offizielle» Lötschberg-Südrampe den BLS-Gleisen entlang: Hier oben findet sich eine lohnende Variante, die freilich, wie gesagt, mit einem ordentlichen Anstieg verdient werden will.
Doch fortan gehts abwärts, dem Wanderziel Mund entgegen. Unterwegs als viertes Naturelement das Feuer: Jetzt brennt die Walliser Sonne mit Kraft auf die südexponierte Flanke. Aber die Vegetation der Felsensteppe mit ihren wärmeliebenden Pflanzen hat sich diesen Umweltbedingungen angepasst.
Auch die Leute des Bergdorfes Mund mussten mit speziellen Widrigkeiten fertig werden. Wie eine Sage erzählt, hatte der Teufel geschworen, er werde die Siedlung zerstören. Mehrere Anläufe schlugen fehl. Doch da wälzte Satan einen gewaltigen Steinbrocken heran. Im letzten Augenblick konnte eine fromme Frau das Kreuz darüberschlagen. So blieb der Teufelsstein im Hang über dem Dorf stecken ... Spezialitäten von Mund sind übrigens Safranreis und Safranbrot, weil das gelbe Gewürz in der ganzen Schweiz nur gerade hier angebaut wird.

Franz auf der Maur
Route: BLS-Bahnhaltestelle Eggerberg an der Lötschberg-Südrampe im Wallis, Abstecher ins Baltschiedertal bis zur Alp Ze Steinu, zurück gegen das Bahnviadukt und Aufstieg über Eggen nach Finnu, Traverse ostwärts gegen Bodmu, Abstieg nach Mund.

Wanderzeit: 6 Stunden mit 900 Metern Steigung und 700 Metern Gefälle.

Öffentlicher Verkehr: Mit dem modernen «Lötschberger» auf der BLS-Bergstrecke von Bern über Spiez bis Eggerberg an der Lötschberg-Südrampe. Rückfahrt ab Mund mit Postauto nach Brig.

Variante: Von Finnu (Haltestelle heisst «Eggerberg, Finnen») auf halbem Weg mit Postauto nach Eggerberg oder weiter zum Bahnhof Visp.

Karten: Landeskarte der Schweiz 1:25 000, Blätter 1288 «Raron» und 1289 «Brig». Landeskarte 1:50 000, Blatt 274 «Visp». Wanderkarte 1:50 000, Blatt 274 T «Visp».
Tierwelt, Nr. 22, 

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